Masterarbeit: Wenn Praxispartner*innen erst nachträglich in die Wirkungsorientierung eingebunden werden

Beteiligung

Wirkungsorientierung gilt als Schlüssel für gesellschaftlich relevante Forschung, besonders in transdisziplinären Projekten. Doch wie verändert sich dieser Prozess, wenn Praxispartner*innen nicht von Anfang an beteiligt sind? Ein Workshop im Rahmen von InNoWest zeigte, wie die gemeinsame Weiterentwicklung einer Theory of Change Wissenschaft und Praxis ins Gespräch brachte und neue Perspektiven für Transfer und Verstetigung eröffnete. Dabei wurde klar: Wirkungsorientierung ist nicht nur ein Planungsinstrument, sondern auch eine wichtige Übersetzungshilfe.

Zwei Personen stehen vor einer Tafel mit mehreren Piktogrammen und Pfeilen, im Hintergrund ist eine Projektion mit einer weiteren Person zu sehen.
Celine Roth bei ihrer Verteidigung. V.l.n.r.: Dr. Ilka Roose (digital), Cerline Roth, Prof. Dr. Benjamin Nölting. © Roth

Wirkungsorientierung – ohne Praxis gestartet

Transdisziplinäre Forschung lebt davon, dass Wissenschaft und Praxis Hand in Hand arbeiten, idealerweise von Beginn an. Den Beteiligten in InNoWest war es besonders wichtig, ihre Forschung so auszurichten, dass sie tatsächlich gesellschaftliche Wirkungen entfalten kann. Dafür nutzt der Verbund vornehmlich die Methode der Wirkungsorientierung nach Schäfer et al. (2024). Entgegen der idealtypischen Methodik erarbeiteten hier jedoch zunächst nur die wissenschaftlichen Mitarbeitenden eine Theory of Change – einen Wirkungspfad, der die geplanten Ergebnisse und Wirkungen eines Projekts übersichtlich darstellt. Die Fachliteratur zeigt, dass es durchaus nicht ungewöhnlich ist, dass Praxispartner*innen erst in späteren Projektphasen intensiv eingebunden werden. Dies gilt aber für eine echte transdisziplinäre Zusammenarbeit als nicht ideal.

Ein Sonderfall mit Möglichkeiten

InNoWest war hier ein interessanter Sonderfall: Der Verbund ging offen damit um, dass Praxispartner*innen anfangs nicht beteiligt waren. Diese Offenheit bot die Chance, im Nachhinein bewusst nachzusteuern. Celine Roth nutzte dies, um einen Workshop zu entwickeln, der ausgewählte Praxispartner*innen mit Teilen des Teams Digitalisierung zusammenbrachte. So konnte eine nachträgliche Beteiligung direkt ausprobiert werden.

Die Theory of Change als Brücke

Der Wirkungspfad, der vorher im wissenschaftlichen Team erstellt worden war, fungierte dabei als eine Art „Übersetzungshilfe“. Dank ihm konnten die Praxispartner*innen schnell erfassen, was die Wissenschaftler*innen zuvor erarbeitet hatten. So konnten sie Feedback geben und gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Team Ergänzungen vornehmen. Der Umgang mit dem Pfad erfolgte dabei eher intuitiv als methodisch sauber. Das war jedoch ein notwendiger Kompromiss, damit der Workshop insbesondere für die Praxispartner*innen relevant und verständlich blieb.

In der Summe konnte der Pfad besser an Praxis- und Anwendungskontexte angepasst werden und die Workshop-Gespräche gaben zudem wertvolle Impulse für den Transfer und die Verstetigung der entwickelten Prototypen. Insgesamt schienen die Diskussionen im Workshop den Beginn einer neue Arbeitsphase einzuleiten, in der der Fokus stärker auf der Anwendung der bisherigen Ergebnisse liegt. Dieser Schritt stärkt die potenziellen mittelfristigen Wirkungen über das Projektende hinaus.

Zwei stilisierte Figuren mit Sprechblasen, dazwischen eine aufgefaltete Karte mit Standortmarkierung, umgeben von den Texten
Darstellung einer Theory of Change als Übersetzungshilfe. Eigene Abbildung, Celine Roth

Rollen im Workshop – wie Wissenschaft und Praxis zusammenfanden

Im Workshop zeigten sich klare Rollen: Die Wissenschaftler*innen moderierten, während die Praxispartner*innen ihre Erfahrungen einbrachten und Feedback gaben. Das entsprach der bisherigen Arbeitsweise, in der Impulse aus der Praxis aufgenommen wurden, Praxispartner*innen aber nicht Teil des Projektteams oder der strategischen Entscheidungen waren.

Gegen Ende des Workshops wurden jedoch erste zaghafte Signale sichtbar, diese Rollen weiterzuentwickeln. Wissenschaft und Praxis könnten sich perspektivisch stärker als gemeinsames Team verstehen – mit mehr Abstimmung, geteilter Verantwortung und engerem Miteinander über reine Rückmeldungen hinaus. Dieser Modus der Zusammenarbeit wird in der Literatur üblicherweise mit einer gesteigerten gesellschaftlichen Wirksamkeit in Zusammenhang gebracht.

Chancen für Transfer und Verstetigung

Für das Team Digitalisierung bietet diese Entwicklung die Möglichkeit, die Prototypen stärker in Anwendung zu bringen und gegebenenfalls neue Praxispartner*innen zu gewinnen. Entsprechende Chancen für eine intensivere Zusammenarbeit sollten genutzt werden. Wünschenswert ist, dass Praxispartner*innen die Hochschulen auch über das Ende der Förderung hinaus als verlässliche Partner*innen und Anlaufstellen wahrnehmen. Gleichzeitig bedeutet eine engere Zusammenarbeit mehr Zeit und Engagement auf Seiten der Praxis – etwas, das nur realistisch umsetzbar ist, wenn entsprechende Förderstrukturen diesen Mehraufwand berücksichtigen.

Orientierung für andere Projekte

Für andere transdisziplinäre Projekte, in denen Praxispartner*innen nicht von Anfang an eingebunden wurden, kann der Workshop als Orientierung dienen, wie eine nachträgliche Beteiligung gestaltet werden kann. Voraussetzung ist die Offenheit des wissenschaftlichen Teams. Einen Wirkungspfad, in den bereits viel Arbeit geflossen ist, zur Diskussion zu stellen, erfordert Mut und die Bereitschaft, die eigene Sichtweise zu überdenken. Das sollte gewürdigt werden. Zugleich ist ein sensibler Umgang mit möglichen Widerständen innerhalb des wissenschaftlichen Teams erforderlich.

Zudem ist es wichtig, die Bedarfe der Praxispartner:innen ernst zu nehmen. Die Gestaltung der nachträglichen Einbindung sollte in enger Abstimmung mit Personen erfolgen, die die Zielgruppe gut kennen, z. B. Stakeholder-Manager*innen. Eindeutige Verantwortlichkeiten und eine verbindliche Vorgehensweise zur Weiterverwendung der Ergebnisse sind ebenfalls zentral, um die investierte Arbeit wertzuschätzen und zu nutzen, sodass sie tatsächlich Wirkung entfalten kann.

Methodischer Mehrwert

Die Auswertung der Daten in der Masterarbeit orientierte sich an Kriterien aus dem Orientierungsrahmen zur Erfassung von Wirkungen transdisziplinärer und partizipativer Forschung (Schäfer et al., 2025), die für diesen Zweck weiter operationalisiert wurden. Dieses Vorgehen kann auch in anderen Projekten hilfreich sein, in denen die Qualität transdisziplinärer Prozesse systematisch untersucht werden soll.

Flussdiagramm mit Symbolen für Wirkungs-Workshop, Theory of Change, Monitoring-Konzept, Datenanalyse und Wirkungssammel-Workshop, verbunden durch Pfeile.
Ein idealer Ablauf einer Wirkungsorientierung. Eigene Abbildung, Celine Roth

Fazit: Besser spät als nie

Auch wenn Praxispartner*innen nicht von Anfang an eingebunden waren, zeigt der Workshop: Nachträgliche Beteiligung kann funktionieren. Sie bietet die Chance, neue Perspektiven zu eröffnen, Verstetigung und Transfer zu stärken und neue Formen der Zusammenarbeit zu erproben. Es kann sich also durchaus lohnen, spät einzusteigen – besser spät als nie!

Die Ergebnisse sind im Rahmen der Masterarbeit der HNEE-Studentin Celine Roth in Zusammenarbeit mit dem Team „Nutzer*innenzentrierte Digitalisierung“ entstanden. Die gesamte Arbeit inklusive des Ablaufplans für den Workshop und der Operationalisierung der Kriterien aus dem Orientierungsrahmen befindet sich im Prozess der Veröffentlichung und kann demnächst hier eingesehen werden.

Kontakt

Bei Fragen zur Arbeit wenden Sie sich gerne an Celine Roth.

Literatur

Schäfer, M., Nagy, E., & Kny, J. (2024). Fostering reflective impact orientation in transdisciplinary research–A multi-method workshop format. MethodsX, 13, 102795. https://doi.org/10.1016/j.mex.2024.102795

Schäfer, M., Bührer-Topcu, S., Ehnert, F., Graf, V., Haus, J., Höhener, O., Holtmann, F., Vasilyeva, Z., von Peter, S., & Wolf, B. (2025). Orientierungsrahmen zur Erfassung von Wirkungen transdisziplinärer und partizipativer Forschung [Arbeitspapier 2-2025]. Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF). https://doi.org/10.5281/zenodo.15641451

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