Vom Schutzwall zur Brücke - warum eine resiliente Wissenschaft auch den Kontakt zu Bürger*innen pflegen sollte

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Am 8. Juli 2026 fand in Potsdam eine Tagung zur „Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems“ statt. Marvin Prigenitz war als Vertreter von InNoWest auf der Tagung dabei und hat sich kritisch mit den Themen der Veranstaltung auseinander gesetzt.

Zu sehen ist der Landtag in Potsdam vor dem drei Fahnen wehen: EU, Deutschland, Brandenburg
Veranstaltungsort im Potsdamer Landtag. © Marvin Prigenitz

„Auch in Deutschland stellen extremistische Kräfte die Grundprinzipien unseres Wissenschaftssystems offen infrage – mit massiven Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Eine demokratische Gesellschaft lebt von ihrer Fähigkeit, Wissen hervorzubringen, einen offenen Erkenntnisaustausch und eine konstruktive Fehlerkultur zu fördern sowie Forschungsergebnisse in verantwortungsvolles politisches und gesellschaftliches Handeln zu übersetzen. Die Stärke eines Wissenschaftssystems zeigt sich dabei nicht nur in seiner Innovationskraft, sondern ebenso in seiner Fähigkeit, auch unter wachsendem gesellschaftlichem und politischem Druck unabhängig, offen und dialogfähig – kurzum: resilient – zu bleiben.“ MWFK

Die prominent besetzte Tagung „Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems“, fand im Plenarsaal des Brandenburger Landtags in Potsdam statt und ist Teil einer Initiative der Länder Brandenburg und Baden-Württemberg im Auftrag der Wissenschaftsministerkonferenz. Neben breiten Appellen zu Zusammenhalt und Zivilcourage innerhalb des Wissenschaftssystems wurden auch erste Vorschläge diskutiert, wie Wissenschaftsförderung unabhängiger von politischer Beeinflussung gemacht werden kann, z.B. durch staatsunabhängige Vergabekommissionen.

„Unabhängige Wissenschaft ist ein elementarer Stützpfeiler unserer freiheitlichen Demokratie. Angriffe auf sie dienen dazu, das öffentliche Vertrauen in Wissenschaft zu zerstören, wissensbasierte Erkenntnisse zu schwächen, unabhängige Forschung und Lehre zu unterbinden und politische Ziele durchzusetzen. Wissenschaftsfeindlichkeit durch Delegitimierung, finanzielle Schwächung oder Steuerung, institutionelle Blockaden oder Angriffe auf einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler muss vorgebeugt und entgegengetreten werden.“ Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, Professorin für Öffentliches Recht an der Universität Potsdam

Marvin Prigenitz war als Vertreter von InNoWest auf der Tagung dabei und hätte sich noch mehr Ideen dazu gewünscht, wie die Wissenschaft nicht nur mehr Schutz aufbauen und sich vor Anfeindungen von außen besser schützen kann. Aus seiner Sicht ist es ebenso wichtig, dass die Wissenschaft selbst stärker aktiv auf die Bürger*innen und die Gesellschaft zugeht, um einer zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit entgegenzuwirken.

Reflektion der Tagungsinhalte und Denkanstöße

1. Erreichbarkeit und Zielgruppen

Auf der Konferenz riefen viele der Mitwirkenden zu Solidarität und Zivilcourage auf. Dazu gehört ein interner Zusammenhalt auch bei abweichenden Fachmeinungen und eine offene Fehlerkultur ebenso wie die Frage, wie Wissenschaftler*innen nach außen sprechen. Bleiben Ausdruck, Sprache und Kanäle in gewohnten akademischen Routinen, entsteht schnell eine Hürde für Menschen außerhalb der Wissenschaft. Forschende könnten dabei im Zwiespalt stecken zwischen dem Wunsch, in ihrer Community absolut seriös zu wirken und andererseits auch außerhalb der Community richtig verstanden bzw. überhaupt gehört zu werden.

„Sollten wir daher nicht gezielt hinterfragen, wie sich solche sprachlichen und kulturellen Barrieren in der Wissenschaft abbauen ließen? Könnten zusätzliche zielgruppengerechte Formate helfen, nahbarer und verständlicher zu werden, ohne die fachliche Glaubwürdigkeit einzubüßen?“ Marvin Prigenitz, Mitarbeiter im Team Digitalisierung von InNoWest

InNoWest versucht, diese Brücke praktisch zu bauen: Im Verbund der HNEE, der FH Potsdam und der TH Brandenburg entstehen Transferprojekte gemeinsam mit regionalen Akteurinnen und Akteuren. Am Transferort Wittenberge, in Fachforen oder beim Online-Format „Transferkaffee“ kommen Wissenschaft, Kommunen, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch. Das ist aufwendig und oft kleinteilig, aber gerade dadurch entsteht über die Zeit ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Wissensbasis über die beteiligten Akteur*innen und Institutionen hinweg.

2. Emotionen, Vermittlung und gefühlte Wahrheiten

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer (Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor an der TU Berlin) betonte in seiner Keynote, dass politische Entscheidungen immer Wertefragen berühren und die Wissenschaft niemals nur Zahlen liefern könne. Gerade in Zeiten, in denen Zukunftsängste stärker werden, spielen im öffentlichen Diskurs Emotionen, persönliche Geschichten und das Gefühl von Zugehörigkeit eine entscheidende Rolle.

„Auch die Wissenschaft könnte versuchen, stärker emotionale Vermittlungsformen aufzugreifen, um sachliche Fakten und Argumente greifbarer und besser verdaulich zu machen.“ Marvin Prigenitz, Mitarbeiter im Team Digitalisierung von InNoWest

3. Desinformation, digitale Gewalt und Deepfakes

Gezielte Falschinformationen gab es dabei schon immer. Neu ist jedoch die Dynamik im KI-Zeitalter: Viele Menschen glauben oder teilen künstlich erzeugte und manipulierte Inhalte selbst dann, wenn sie als Täuschung erkennbar sind, vorausgesetzt die Botschaft passt zum eigenen Weltbild und vermittelt das passende Gefühl.

Dorothee Bär (Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt) und Dr. Eckart von Hirschhausen (Moderator der Veranstaltung, Arzt und Wissenschaftsjournalist) sprachen explizit über die Bedrohung durch Deepfakes (Missbrauch bekannter Gesichter für z.B. gefälschte Werbung) sowie digitale Gewalt und verwiesen auf Anlaufstellen wie den Scicomm Support. KI-generierte Desinformation, manipulierte Inhalte und massenhafte Hassnachrichten belasten die digitale Welt massiv.

„Da manuelle Prüfungen und Meldungen bei diesen Datenmengen kaum noch Schritt halten können, wäre es sehr hilfreich, die Plattformen-Betreiber zu einer zügigen, automatisierten Löschung von Fake-Inhalten zu verpflichten (z.B. mit automatisierten Erkennungstools in Kombination mit gesetzlichen Regeln wie dem EU Digital Services Act).“ Marvin Prigenitz, Mitarbeiter im Team Digitalisierung von InNoWest

4. Rolle öffentlicher Medien

In der Diskussion verwies Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf auf das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Vorbild für unabhängige staatliche Strukturen, während Prof. Dr. Christoph Markschies (Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) gezielte Investitionen in Qualitätsjournalismus forderte. Obwohl der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Teilen der Bevölkerung bezüglich seiner Finanzierung in der Kritik steht, zeigt er bereits, wie komplexe Themen durch verschiedene Formate für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen aufbereitet werden können. In einem durch künstlich erzeugte Inhalte zunehmend unübersichtlichen digitalen Raum könnten geprüfte Informationsquellen zukünftig wieder an Wert gewinnen, sofern sich entsprechende Formate passgenau weiterentwickeln.

Beitrag von InNoWest

"Mit unseren Transferprojekten in Nord-West-Brandenburg sehen wir, dass es gut ankommt, wenn wir als Wissenschaftler*innen mit der Praxis an gemeinsamen Fragestellungen arbeiten. Das ist zwar für beide Seiten mitunter auch herausfordernd und erfordert zusätzliche Kompetenzen. Doch z.B. im Team Digitalisierung ist es durch geduldige gemeinsame Arbeit gelungen, mit mehreren Kommunen an Fragestellungen zu arbeiten, die für die Menschen und Regionen vor Ort relevant sind. Daher ist neben klassischer Arbeit an Hochschulen auch die Transferarbeit sehr wichtig." Marvin Prigenitz, Mitarbeiter im Team Digitalisierung von InNoWest

Fazit

Die Konferenz in Potsdam hat zentrale Herausforderungen benannt und wertvolle Impulse zum Nachdenken über ein resilientes Wissenschaftssystem geliefert. Es entstand jedoch auch der Eindruck: Wenn Wissenschaftskommunikation primär auf reaktiven Schutz setzt, riskiert sie, weiterhin Vertrauen zu verlieren. Echte Resilienz ergänzt den Schutzwall um die Brücke: Sie wahrt die akademische Freiheit und Qualitätsstandards, setzt aber zusätzlich auf ehrliche Bürgernähe (z.B. in Bürger-Vorlesungen) und gestaltet durch gute Wissenschaftskommunikation die Verbreitung ihrer Erkenntnisse in die breite Öffentlichkeit aktiv mit.


Marvin Prigenitz
Autor*in

Marvin Prigenitz

Koordination + Data Engineering

Dr. Josephine Jahn
Autor*in

Dr. Josephine Jahn

Regionale Vernetzung für Wissensaustausch

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