"Vibe-Coding" - Software beschreiben statt programmieren und wo die Grenzen liegen

Kompetenzen erweitern
KI

Am 25. August 2026 fand im Team Digitalisierung ein Online-Workshop zum Thema „Web-App-Entwicklung mit KI“ statt. Die Anregung dazu war in einem vorherigen InNoWest-Workshop von der Unternehmervereinigung Uckermark e. V. gekommen. Die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung und Durchführung des Workshops hat InNoWest übernommen. Die Veranstaltung begann mit Impulsen von Simon Boffen von acatech und Prof. André Nitze von der Technischen Hochschule Brandenburg. Im Anschluss hatten die Teilnehmenden selbst die Gelegenheit, unter Anleitung durch das KI-Start-up humaify eine eigene Web-App mit KI zu entwickeln. Dieser Beitrag erklärt, was sogenanntes Vibe Coding ist, wo es hilfreich sein kann und wo es an seine Grenzen stößt. Insgesamt wird das Thema für alle eingeordnet, die nicht täglich mit Softwareentwicklung zu tun haben.

InNoWest-Team und humaify-Team bei der Nachbesprechung des Workshops - sichtlich gut gelaunt
InNoWest-Team und humaify-Team bei der Nachbesprechung des Workshops © Josephine Jahn

Der Workshop

Der Vormittag folgte einem klaren Aufbau: Simon Boffen (acatech) berichtete aus einem Unternehmen, das selbst entwickelte Web-Apps bereits im Alltag einsetzt. Prof. André Nitze gab danach einen Überblick über Herangehensweisen, Grenzen und nötige Rahmenbedingungen. Im Anschluss wurde es praktisch: In Kleingruppen entwickelten die Teilnehmenden eigene kleine Web-Apps, betreut vom Start-up humaify, das von ehemaligen Studierenden und Mitarbeitenden der TH Brandenburg gegründet wurde. Zum Abschluss gab es ein Resümee und die Frage, ob Programmieren mit KI wirklich so einfach ist.

Was ist Vibe Coding?

Vibe Coding heißt: Man beschreibt einer KI in normaler Sprache, was ein Programm können soll, und die KI schreibt den Code dazu. Man benötigt also kein „Zeile-für-Zeile“-Programmieren mehr, sondern kann eine App mit einfachen Sprachbefehlen gestalten. Zum Beispiel: „Wenn ich auf diesen Button klicke, soll eine Übersicht zum Thema XY erscheinen.“ Dadurch können auch Menschen ohne Programmierkenntnisse eigene kleine Anwendungen bauen.

Wichtig ist die Abgrenzung: Vibe Coding erzeugt Software. Es steuert keine Software. Eine KI kann nach Anleitung ein neues Programm schreiben. Sie kann aber nicht einfach ein bestehendes, fremdes System bedienen oder mit ihm sprechen, wenn dieses System dafür keine Schnittstelle anbietet.

Wie funktioniert das?

Der Ablauf lässt sich in vier Schritten erklären:

  1. Plattform auswählen: Zuerst wählt man eine Vibe-Coding-Plattform. Das ist ein Dienst, der die KI mit einer passenden Oberfläche verbindet.
  2. Anwendung beschreiben: Dann beschreibt man möglichst genau, was die Anwendung können soll. Je präziser die erste Beschreibung ist, desto besser kann die KI das gewünschte Ergebnis umsetzen.
  3. Erste Version testen: Die KI erzeugt eine erste lauffähige Version. Damit ist gemeint, dass die Anwendung bereits gestartet und ausprobiert werden kann, meistens direkt in der Plattform oder über eine Vorschau im Browser. Sie ist also noch kein fertiges Produkt, sondern zunächst ein funktionierender Prototyp.
  4. Testen und verbessern: Danach testet man die Anwendung und korrigiert sie, zum Beispiel mit Anweisungen wie „Diese Spalte brauche ich nicht“ oder „Bitte ändere die Farben“. Jede Korrektur bringt einen näher ans Ziel.

Größere Umbauten der Web App sind nachträglich allerdings oft mühsam. Eine Softwareentwicklerin würde möglicherweise entscheiden, die App von Grund auf neu zu bauen, wenn die ursprüngliche Struktur nicht mehr passt. Die KI versucht dagegen meistens, den bestehenden Prototypen weiter zu optimieren. Daher ist besonders die erste Anweisung, der sogenannte Prompt, für die Entwicklung der Web App wichtig: Wer von Anfang an gut erklärt, was gebraucht wird, spart sich später Arbeit.

Aber auch hier zeigen sich in der Praxis oft plötzliche Grenzen. Selbst wenn die Beschreibung lang und detailreich ist, kann die KI scheitern, wenn entscheidende Fachbegriffe im Prompt fehlen. Kennt das Modell nicht den exakten Begriff für eine spezielle Logik im Hintergrund, baut es oft komplizierte und fehlerhafte Umwege. Auch bei sehr neuen Technologien oder komplexen Strukturen, wie sie etwa in umfangreichen Excel Tabellen vorkommen, stößt die KI schlicht an ihre Leistungsgrenze. Der Übergang vom schnellen Erfolg zur absoluten Sackgasse verläuft beim Vibe Coding oft unerwartet und abrupt.

Am Ende veröffentlicht man die Anwendung meist mit einem Klick. Danach ist sie über einen Browser nutzbar, sofern die Plattform einen entsprechenden Betrieb und eine Veröffentlichung anbietet. Für einen dauerhaften professionellen Betrieb sind jedoch weitere Schritte nötig, etwa eine Prüfung des Codes, ein sicherer Serverbetrieb, regelmäßige Aktualisierungen und eine verantwortliche Betreuung. So entstehen im Handumdrehen Prototypen, kleine Werkzeuge oder einfache Webseiten. Das Tempo und die schnellen Erfolgserlebnisse machen den Reiz aus, und genau dafür ist das Werkzeug geschaffen. Die Grenzen liegen unter anderem in der fehlenden Anbindung an andere Programme, im dauerhaften Betrieb und in der eingeschränkten Sicherheit vieler Anwendungen. KI generierter Code kann unbemerkte Fehler, unsichere Einstellungen, veraltete Programmbibliotheken oder unklare Abhängigkeiten enthalten. Ohne fachliche Prüfung ist deshalb nicht immer erkennbar, ob eine Anwendung wirklich sicher und zuverlässig ist.

Standard-, Individual- oder Open-Source-Software?

Bei Software gibt es drei Grundrichtungen, und Vibe Coding verändert die Gewichte.

Standardsoftware gibt es fertig zu kaufen: Buchhaltungsprogramme, Warenwirtschaftssysteme, Kalender- und Projektwerkzeuge. Sie ist erprobt, wird gepflegt und ist meist günstiger, als etwas Ähnliches selbst zu bauen. Vibe Coding kann hier helfen, Standardsoftware zu ergänzen, zum Beispiel mit einer kleinen Zusatzübersicht, die dem Team fehlt. Das funktioniert aber nur, wenn die Standardsoftware eine geeignete Schnittstelle anbietet, über die andere Programme Daten austauschen oder Funktionen nutzen dürfen.

Individualsoftware wird genau für einen bestimmten Zweck gebaut. Genau hier ist Vibe Coding der große Gamechanger. Früher brauchte es dafür ein Entwicklerteam und ein Budget, das viele Projekte nicht hatten. Heute kann praktisch jeder Mensch mit Sachkenntnissen in einem bestimmten Themengebiet über seinen Arbeitsalltag ein Werkzeug selbst anstoßen, das genau zu den eigenen Abläufen passt. Das kann hervorragend für eigene Tools und kleine Teams funktionieren.

Risiken lauern trotzdem. Auch Softwareanbieter nutzen inzwischen KI und können spezialisierte Software schneller und günstiger als früher produzieren. Wer eine App selbst mit Vibe Coding erstellt, spart möglicherweise die Anschaffungskosten, übernimmt dafür aber selbst die Verantwortung für Betrieb, Wartung und Sicherheit. Wenn es fertige Standardsoftware für wenig Geld gibt, ist Kaufen daher oft die klügere Wahl. Die Kunst liegt darin zu erkennen, welcher Weg für welche Anwendung am besten geeignet ist.

Open Source ist die dritte Richtung. Dabei liegt der Quellcode offen, und die Software darf je nach Lizenz genutzt, angepasst und weitergegeben werden. Viele gute Standardwerkzeuge sind Open Source, etwa Bürosoftware oder Systeme für Webseiten.

Was hat das mit Vibe Coding zu tun? Open-Source-Software kann eine Alternative zum Neubau sein. Statt eine Anwendung vollständig mit KI zu erzeugen, kann man eine vorhandene Open-Source-Lösung nutzen und, sofern die Lizenz es erlaubt, an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Vibe Coding kann dabei helfen, solche Anpassungen vorzubereiten oder kleine Ergänzungen zu entwickeln. Auch hier müssen jedoch Lizenzbedingungen, Sicherheit und die langfristige Wartung beachtet werden.

Wem gehört die Software?

Ein Punkt, den viele unterschätzen: Wem gehört die Software eigentlich? Bei gekaufter Standardsoftware bleibt die Software in der Regel Eigentum des Anbieters. Man erhält je nach Vertrag ein Nutzungsrecht und zahlt dafür Lizenzen oder Abos. Die konkreten Rechte hängen vom jeweiligen Vertrag ab.

Bei einer selbst erstellten Anwendung mit Vibe Coding kann der Quellcode grundsätzlich in der eigenen Hand liegen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass alle Rechte ohne Einschränkung beim eigenen Unternehmen liegen. Entscheidend sind unter anderem die Nutzungsbedingungen der verwendeten Vibe-Coding-Plattform, die Lizenzbedingungen eingebundener Programmbibliotheken und die Vereinbarungen mit beteiligten Dienstleistern. Diese Punkte sollten vor einer professionellen Nutzung geprüft werden.

Auch bei Open Source gilt: Der Quellcode ist offen zugänglich, aber die jeweilige Open-Source-Lizenz legt fest, was erlaubt ist. Open Source bedeutet daher nicht einfach, dass die Software „allen gehört“ und ohne Bedingungen verwendet werden darf.

Wenn die nötigen Rechte und der Quellcode bei der eigenen Organisation liegen, hat das einen praktischen Vorteil: Man kann Leistungen für Entwicklung, Wartung und Betrieb bei der eigenen IT-Abteilung oder bei externen Dienstleistern einkaufen. Wer mit einem Dienstleister unzufrieden ist, kann dann leichter wechseln. Man zahlt für konkrete Arbeit, ohne dauerhaft an einen einzelnen Anbieter gebunden zu sein.

Wer eine mit Vibe Coding erstellte App zur eigenen IT-Abteilung oder zu einem Dienstleister bringt, hat deshalb einen entscheidenden Vorteil, sofern die Rechte und der Quellcode geklärt sind: Das Werkzeug kann von Fachleuten geprüft und betrieben werden, und ein Wechsel des Dienstleisters ist grundsätzlich möglich. Zusätzliche Lizenzen können trotzdem erforderlich sein, etwa für die Vibe-Coding-Plattform, externe Dienste oder verwendete Softwarebestandteile.

Warum Vibe Coding keine fremde Software steuert

An dieser Stelle hilft ein kleiner Ausflug zum Thema technische Schnittstellen. Fachleute nennen sie APIs. Eine API (Application Programming Interface) ist eine festgelegte Verbindung zwischen zwei Programmen. Sie legt fest, welche Daten ein System nach außen gibt und wie andere Programme mit ihm interagieren dürfen. Vereinfacht gesagt ist eine API eine Art Bedienfeld, das ein Programm für andere Programme bereitstellt.

Vibe Coding kann so ein Bedienfeld nutzen, aber nicht erfinden. Wenn ein Warenwirtschaftssystem keine Schnittstelle anbietet, kann die KI diese Schnittstelle nicht einfach benutzen oder nachträglich in das fremde System einbauen. Genau hier landen viele Programmieranfänger*innen in einer Sackgasse: Sie wollen zwei Programme verbinden, und es klappt nicht, obwohl die KI den Code richtig erstellt hat. Der Grund liegt dann nicht unbedingt im Code, sondern in den fehlenden Schnittstellen des fremden Systems. Wer das versteht, spart sich viel Frust.

Noch klarer wird es bei Maschinen oder industriellen Anlagen. Eine KI kann keinen Kran bewegen oder Schalter bedienen, bloß weil man ihr den Ablauf beschreibt. Es bedarf dafür spezieller Hardware, Sensoren, verlässlicher Sicherheitskonzepte und menschlicher Fachkräfte. Die KI generiert lediglich den Code für die Software. Ohne physische Schnittstellen findet jedoch kein Eingriff in die reale Welt statt, weshalb Vibe Coding hier auch aus Sicherheitsgründen vollkommen außen vor bleibt.

Wo Vibe Coding gut ist und wo nicht

Gut geeignet ist Vibe Coding überall dort, wo wenig Schaden entstehen kann und das Ergebnis leicht zu prüfen ist:

  • Kleine interne Werkzeuge: zum Beispiel eine Übersicht, die aus einer Tabelle automatisch einen Monatsbericht erstellt, oder einen einfachen Ablauf beziehungsweise Workflow für das Team generiert.
  • Prototypen und Vorführversionen: Man kann schnell zeigen, wie man sich eine Software vorstellt, bevor man sie aufwendig oder teuer bauen lässt.
  • Einfache Webseiten, Dashboards und Standardanwendungen: Solche Anwendungen lassen sich mit KI erstellen, wenn es sie in ähnlicher Form bereits tausendfach gibt. Die KI kann sie oft gut nachbauen, da sie viele gute Beispiele im Internet findet.

Schlecht geeignet oder sogar riskant ist Vibe Coding hier:

  • Andere Software steuern oder anbinden, wenn keine geeignete Schnittstelle existiert.
  • Maschinen und Anlagen bedienen, bei denen Sicherheit und Zuverlässigkeit entscheidend sind.
  • Geschäftskritische Systeme wie Abrechnung, Finanzen oder Anwendungen mit Patientendaten. Fehler dort sind teuer, und KI-Fehler liegen oft unsichtbar unter der Oberfläche, in Programmbibliotheken und versteckten Abhängigkeiten.
  • Alles, was dauerhaft betrieben und gewartet werden muss, ohne dass jemand die Verantwortung für den Code übernehmen kann.

Die einfache Faustregel lautet: Je geschäftskritischer und untypischer eine Anwendung ist, desto weniger Vibe Coding sollte im Spiel sein. Wer eine App als Gesprächsanlass nutzt, zum Beispiel um sie der eigenen IT-Abteilung zu zeigen, bekommt meist die beste Unterstützung. Gemeinsam kann dann geprüft werden: Gibt es bereits eine passende Lösung? Können wir eine vorhandene Software anpassen? Oder ist es sinnvoll, dieses neue Werkzeug zu betreiben, weil es wirklich wertvoll ist?

Fazit

Vibe Coding senkt die Kosten, um neue Software zu erzeugen. Es senkt nicht automatisch die Kosten, Software dauerhaft zu besitzen, sicher zu betreiben und zu warten. Als schneller Einstieg, für Prototypen und für kleine persönliche Werkzeuge ist es ein hilfreiches Werkzeug.

Für alles, was kritisch wird, lohnt der Blick auf vorhandene Standardsoftware oder auf Fachleute, die den Code prüfen und betreiben können. Im Workshop lautete das Fazit treffend: „Softwareentwicklung ist tot, es lebe die Softwareentwicklung!“ Gemeint ist damit: KI verändert die Art, wie Software entsteht, ersetzt aber nicht die Verantwortung und das Fachwissen, die für gute und sichere Software notwendig sind.

Eine Aufzeichnung des Inputs von Prof. André Nitze von der Technischen Hochschule Brandenburg ist hier verfügbar:

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Dr. Josephine Jahn
Autor*in

Dr. Josephine Jahn

Regionale Vernetzung für Wissensaustausch

Marvin Prigenitz
Autor*in

Marvin Prigenitz

Koordination + Data Engineering

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