
Von der Reetwellerlehmwand zur digitalen Biodiversitätsforschung
Wie lassen sich Biodiversität, nachhaltiges Bauen und Digitalisierung miteinander verbinden? Dieser Frage geht ein neues Vorhaben im Rahmen von InNoWest …
Nicht jeder Halm ist gleich: Welche Reethalme werden von Wildbienen als Nistplätze angenommen? Welche Rolle spielen ihre Anzahl, ihre Beschaffenheit und die Art, wie sie angeordnet sind? Und wie lässt sich ein Baustoff gestalten, der den Bedürfnissen der Wildbienen gerecht wird? Mit dieser Frage beschäftigt sich das durch InNoWest geförderte Transferprojekt „Biodiversitätswände aus Reetwellerlehm“.

Bei einem Vor-Ort-Treffen am 28. September 2026 beim produzierenden Unternehmen earthbound in der Urban Tech Republic in Berlin wurde ein wichtiger Meilenstein erreicht: Das Start-Up produzierte mit den firmeneigenen technischen Mitteln einen ersten Reetwellerlehmblock im Maßstab 1:1, der in Hinblick auf sein Schnittbild und seine Materialqualität untersucht werden kann.
Am Treffen nahmen Ute Reeh, Initiatorin des Projekts vom Zentrum für Peripherie (ZFP), Laura van Altena von InNoWest, André Gardei von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) sowie Michael Kretschmann von earthbound teil. Im Mittelpunkt standen die Bewertung des Prototyps und die Frage, wie sich die Herstellung der Blöcke weiter optimieren lässt.
Traditioneller Wellerlehm besteht aus Lehm und pflanzlichen Fasern, meist Stroh, aber auch Heidekraut wird verwendet. Reet von wiedervernässten Flächen als Armierung zu verwenden ist eine Neuentwicklung. Die innovative maschinelle Verarbeitung soll es ermöglichen, den traditionellen Baustoff künftig zu einem konkurrenzfähigen Preis in verlässlicher Qualität herzustellen.
Anders als klassische Lehmbausteine, die im Formpressverfahren hergestellt werden, entstehen die sehr viel größeren Reetwellerlehmblöcke durch Vibrationverdichtung. Die fertigen Blöcke sollen anschließend zu Biodiversitätswänden verbaut werden, die sowohl als bauliche Elemente als auch als Lebensraum für Wildbienen dienen.
Mit earthbound ist ein junges Unternehmen an der Entwicklung beteiligt, das sich auf die Verwendung von Bodenaushub im Bereich nachhaltiger und innovativer Lehmbaustoffe konzentriert. Gegründet Anfang 2025, ist es seit Oktober 2025 in der Urban Tech Republic auf dem ehemaligen Tegeler Flughafen ansässig. Gemeinsam mit den Projektbeteiligten arbeitet earthbound daran, das Herstellungsverfahren für die Reetwellerlehmblöcke an die eigenen Produktionsbedingungen anzupassen und damit die Voraussetzungen für eine gleichbleibende Qualität in der Herstellung zu schaffen.
Der Prototyp in Originalgröße ermöglicht es nun, die Eigenschaften des Materials unter realitätsnahen Bedingungen zu untersuchen. Besonders aufschlussreich ist dabei das Schnittbild: Im Querschnitt wird sichtbar, inwieweit sich Reet und Lehm gleichmäßig im Block verteilen und wie homogen die Verdichtung über die einzelnen Schichten hinweg ausfällt. Diese Eigenschaften sind entscheidend, um die bauliche Qualität der Blöcke sicherzustellen und ihre Eignung für die geplanten Biodiversitätswände zu bewerten.
Gleichmäßigkeit als zentrale Herausforderung.
Die Untersuchung des Prototyps hat gezeigt, dass das Schnittbild noch nicht homogen genug ist. Eine ungleichmäßige Materialverteilung und Verdichtung kann dazu führen, dass innerhalb eines Blocks Hohlräume auftreten, was unter Umständen auch ungleichmäßige Druckfestigkeit zur Folge haben kann. Deshalb soll die Homogenität des Materials künftig systematisch überprüft werden.
Dafür werden mehrere Probekörper aus unterschiedlichen Bereichen der produzierten Blöcke entnommen und miteinander verglichen. Auch Anzahl der eingebrachten Materialschichten wird vor Ort diskutiert.
Darüber hinaus soll der Schneidprozess optimiert werden. Dafür wird die beim Projekt eingesetzte ehemalige Metallsäge aus einem Hammerwerk im Ruhrgebiet gemeinsam mit einem Berater des Herstellers hinsichtlich des relevanten Parameters Schnittgeschwindigkeit überprüft.
Neben Materialzusammensetzung und Verdichtung ist die Trocknung ein weiterer wichtiger Faktor für die Qualität der Reetwellerlehmblöcke. Bislang wurden kerntrockene Blöcke verbaut. Das Material Reetwellerlehm weist durch den hohe Armierungsgrad eine große Stabilität auf, erreicht seine optimale Festigkeit aber erst im trockenen Zustand. Nach Einschätzung des ZFP können die Blöcke bereits verbaut werden, sobald die äußeren 15 bis 20 cm durchgetrocknet sind. Voraussetzung dafür ist, dass dies in der warmen Jahreszeit geschieht und sichergestellt werden kann, dass auch der Kern bis zum Einsetzen des Winters vollständig getrocknet ist.“
Um den Trocknungsverlauf nachvollziehen und unterschiedliche Bedingungen miteinander vergleichen zu können, werden Probekörper an verschiedenen Standorten gelagert und untersucht. Durch regelmäßige Gewichtsmessungen lässt sich der Verlauf der Trocknung dokumentieren und eine Trocknungskurve erstellen. Auf dieser Grundlage kann der Gesamtfeuchtegehalt der Probekörper über die Zeit nachvollzogen werden.
Die bisherigen Untersuchungen zum Trocknungsverlauf bilden eine Grundlage für den nächsten Schritt: Im anschließenden Projektteil „Reetwellerlehm im Elbe Valley“ soll die Trocknung unter verschiedenen Bedingungen systematisch weiter untersucht werden.
Mit dem ersten 1:1-Prototypen bei Earthbound ist ein wichtiger Schritt zur konkreten Umsetzung der Biodiversitätswände gelungen. In den kommenden Wochen geht es darum, die gewonnenen Erkenntnisse in die weitere Herstellung einfließen zu lassen und insbesondere Materialmischung, Verdichtung, Schnittbild und Trocknung weiter zu optimieren.
Die Herstellung der Biodiversitätswände verbindet damit die praktische Erprobung eines innovativen Baustoffs mit dem Anspruch, nachhaltiges Bauen und die Förderung der biologischen Vielfalt zusammenzudenken. So entsteht Schritt für Schritt ein Baustoff, der bauliche und ökologische Anforderungen miteinander vereint.

Koordination, Partizipation + Citizen Science

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